Stabil in die Ferne schweifen
Es war an sich reine Neugier, dass ich mir mal Optiken mit 80-400mm für einen Test kommen ließ.
Kamerabedingt fiel meine Wahl auf das Nikon AF VR 80-400mm/4.5-5.6D ED und auf das Sigma APO 80-400mm F4.5-5.6 EX OS.
Es interessierte mich einfach, ob das im Vergleich zum Original-Zoom doch recht preiswerte Sigma qualitativ mithalten kann oder ob es doch angebracht ist, ein "paar Tage" länger zu sparen.

Sigma lieferte umgehend (nein, keiner wußte, dass die Optik für einen Vergleichstest eingesetzt wird), und bevor das Nikon eintraf, hatte ich das Sigma allein von der Verarbeitung und dem Handling bereits ins Herz geschlossen.
Und das mir - wo ich doch bislang dachte, ein Weitwinkel-Typ zu sein! Doch so erwischte ich mich mehrfach, dass ich nur mit dem 80-400 fotografierte und das 18-70 in der Tasche blieb.
Kommen wir aber erst einmal zu den reinen Äußerlichkeiten, denn die beiden "Kontrahenten" sind doch sehr unterschiedlich, was die reinen Werte und auch das Handling angeht.
Gleich nach dem Auspacken des Nikon fiel mir das spürbar geringere Gewicht auf. Das Sigma ist sage und schreibe mit 1740g nahezu 400g schwerer, und das merkt man sofort. Zurückzuführen ist dies nicht nur auf die größere Baulänge (mit knapp 190mm fast 2cm länger), sondern auf den Linsenaufbau.
Sigma verwendet für sein OS 20 Linsen in 14 Gruppen (2 Linsenelemente bestehen aus SLD-Glas und reduzieren die chromatische Abberation), wohingegen Nikon für das VR mit 17 Linsen in 11 Gruppen auskommt, davon 3 ED-Linsenelemente.
Das Nikon Objektiv hat zwar mit 91mm einen 4mm kleineren Durchmesser, doch beide Zoomobjektive benötigen einen 77er Filter.
"Look and Feel" des Nikon VR war mir auf Anhieb unsympatisch. Mag sein, dass es daran lag, dass ich mit dem Sigma bereits eine Woche lang warm geworden bin. Aber das samtmatte Gehäuse des Sigma sieht nicht nur schicker und professioneller aus, sondern fasst sich auch besser an. Außerdem sitzt beim Sigma der Zoomring vorn an der Optik, der Entfernungsring ist dahinter in Richtung Kamera angebracht. Beim Nikon VR ist es genau umgekehrt, das war für mich nicht nur gewöhnungsbedürftig, sondern die gesamte Kamerahaltung war instabiler, da die Kamera mit der Optik, wenn man die linke Hand am Zoomring platziert, schlechter ausbalanciert ist.
Das die Zoomringgummierung beim Sigma breiter und griffig ist, tat ein übriges zum besseren Handling des Sigma. Da bei 20 Linsen das Gewicht der vorderen Linsengruppen nicht unerheblich ist, hat Sigma dem OS einen Zoomlock-Schalter verpaßt, der ein durch das Eigengewicht des Objektives bedingtes Durchrutschen zur Telebrennweite beim Tragen verhindert.
Ein weiterer Punkt für das OS ist die Stativschelle! Beim Nikon ist sie deutlich kürzer und dummerweise auch mit geringerem Abstand zum Optikgehäuse. Somit war der Zoomring in der normalen Position der Stativschelle (unten an der Optik) für mich mit meinem dicken Fingern nur mit Mühe bedienbar. Ich habe daher den Stativanschluss zur rechten Seite gedreht, um die Optik bedienen zu können, ohne dass meine Hand ständig gegen die Schelle kam.
Die Schelle am Sigma habe ich nach oben gedreht. Nicht weil ich auch dort Probleme mit dem Stativanschluss in Verbindung mit meinem Wurstefingern bekommen habe, sondern weil die Stativschelle auch als praktischer Tragegriff mit Fingermulden für alle Finger dienen kann. Ein irre guter Tragekomfort!
Beim Nikon kam ich mit besagten Fingern kaum zwischen Schelle und Optik, und vor allem ist die Schelle derart kurz und glatt, dass ein sicheres Tragen in dieser Stellung nahezu unmöglich ist.
Beide Optiken werden inkl. Streulichtblende und Aufbewahrungs- bzw. Trageköcher geliefert. Wobei der Köcher von Nikon etwas schicker und angenehmer aussieht, aber die Optik auch exakter hineingezirkelt werden muss.
Sigma liefert einen nur grob angepaßten gradlinigen Köcher mit, hat aber sinnigerweise mitgedacht, denn neben einem Gurt für den Köcher wird noch ein Gurt für die Optik mitgeliefert. Dieser kann an der Stativschelle befestigt werden und damit die Optik mit oder ohne Kamera locker am Mann getragen werden.
Beide Optiken besitzen einen optischen Stabilisator, der bei Sigma OS (für Optical Stabilizer) und bei Nikon VR (für Vibration Reduction) genannt wird.
In der Stellung 1 wird der Stabilisator kontinuierlich bei beiden Objektiven nach Druck auf den Auslöser aktiviert und die Stabilisierung auch im Sucher angezeigt. Dies geschieht bei Nikon nahezu lautlos, während das Sigma mit deutlich vernehmbaren Surren zu Werke geht. Schalterstellung 2 bewirkt beim Nikon einen Verzicht auf die Anzeige der Stabilisierung im Sucher (dadurch bedingt geringerer Stromverbrauch), während Sigma diese Stellung für bewegte Motive empfiehlt - es wird nur noch vertikal stabilisiert, so dass ein Mitziehen ohne weiteres möglich ist. Beim Nikon VR sorgt eine ausgeklügelte Elektronik, die ein Schwenken der Optik registriert, für ein reibungsloses Mitziehen.
Neben dem Schalter für den Stabilisator besitzen beide Optiken eine Schaltung für AF bzw. MF, also für automatische oder manuelle Scharfeinstellung. Dieser Schalter ist bei Nikon sinniger gestylt und hat zudem 4 statt 2 Schalterstellungen - beim Sigma ist das nicht notwendig, da der Fotograf jederzeit manuell in die Entfernungseinstellung eingreifen kann.
Selbstverständlich läßt sich der Stabilisator auch ausschalten. Dies ist auch bitter nötig, denn beim An- und Absetzen an eine Kamera sollte (ich würde sagen muß) der Stabilisator abgeschaltet werden, da es sonst zu einer Fehlfunktion des Stabilisators kommen kann und dieser unschöne Geräusche von sich gibt. Gleiches kann passieren, wenn man die Kamera bei eingeschaltetem Stabilisator ausschaltet - das ist bei mir aber nie vorgekommen. In beiden Fällen sollte man die Optik wieder an die Kamera setzen, die Kamera ein- und dann den Stabilisator ausschalten. Dann endet das nervige Geräusch.
Nur das Nikon VR besitzt einen zusätzliche Fokussierbegrenzungsschalter (schönes Wort), der die Aufnahmedistanz beim Scharfstellen eingrenzt. Es gibt einen Bereich von 2,3m bis unendlich und zwei limitierte Bereiche von 2,3-3,5m bzw. 5m bis unendlich. Durch dieses Feature soll die Scharfeinstellgeschwindigkeit erhöht werden.
Der Zoomring geht bei beiden Objektiven zu Anfang etwas schwer, bei Sigma zudem noch "hakelig" - doch dies hat sich im Verlauf des Tests (das Sigma hatte ich nahezu 2 Wochen) gegeben. Jetzt läuft das Sigma angenehm rund.
Ich war so mit "testen" sprich fotografieren beschäftigt, dass ich während der Testaufnahmen nicht im mindesten daran gedacht hatte, mir Notizen zu machen, welche Aufnahme ich mit welcher Optik geschossen habe. Zum Glück hat Nikon dies vorausgesehen und so wird im aktuellen Nikon Capture v4.12 neben vielen sinnvollen Angaben auch das verwendete Objektiv angezeigt. Das Nikon erscheint dort als VR 80-200 und für das Sigma wird VR 82-400 G angegeben.
Dies zeigt dem Fachmann auch gleich, dass Sigma auf einen Blendenring verzichtet hat und das VR von Nikon mit einem solchen ausgerüstet ist. Besitzer einer älteren NonAF-Nikon-Kamera können somit mit dem OS wenig anfangen, da keine Blende am Objektiv eingestellt werden kann.
Ein Blick auf das Bajonett (beide natürlich aus Metall) zeigt beim Sigma keinerlei Scharfeinstellwelle, was uns sagt, dass die Motoren zur Scharfeinstellung in der Optik zu finden sind. Das Nikon VR besitzt zwar diese Welle, aber sie ist anscheinend nur Tarnung, denn auch im manuellen Betrieb bewegt sie sich keinen Millimeter, sodass Nikon-Fotografen wohl keine Angst um den AF-Motor in ihrer Kamera haben müssen, der bei der zu bewegenden Masse sicher seine Probleme bekommen würde.
Nach soviel Theorie kommen wir nun zur Praxis :-)
Als erstes interessierte mich natürlich die AF-Geschwindigkeit in Verbindung mit dem Stabilisator. Dazu schaltete ich die Kamera auf AF-S (single Autofokus) um mitzubekommen, wann die Kamera die Entfernung eindeutig ermittelt hat.
Ich suchte mir 5 Motive in unterschiedlichen Entfernungen, schaltete die Kamera ein und hielt sie in Hüfthöhe wie John Wayne seinen Colt. Dann ein kurzer Ruck zum rechten Auge, die 5 Motive gesucht und die Zeit gestoppt. Das Ganze mehrere Male, damit ich den Bewegungsablauf intus hatte und kein Zeitverlust durch die Motivsuche berücksichtigt werden muss.
Eindeutiges Ergebnis: das Nikon VR war mit ca. 12 Sekunden fast 5 Sekunden schneller als das Sigma OS. In der Praxis, sprich wenn es darum geht, ein Motiv scharf zu stellen und den Stabilisator zu aktivieren, macht sich dieser Geschwindigkeitsvorteil allerdings so gut wie nicht bemerkbar!
Das Nikon kann evtl. einen Sekundenbruchteil schneller sein als das Sigma, aber messbar oder gar spürbar war dies für mich nicht.
Was allerdings einige Tierfotografen nerven wird, ist die Lautstärke oder besser die Tonlage des AF-Motors im Sigma Objektiv. Das Nikon VR 80-400 besitzt zwar keinen Silent Wave Motor, geht aber deutlich leiser beim Scharfeinstellen zur Werke. Naturfotografen mit dem Sigma werden sicher dann und wann das AF abschalten, da das Scharfeinstellgeräusch (zumindest für das menschliche Ohr) recht penetrant ist und bestimmt das eine oder andere Tier genervt das Weite sucht.
Wie sieht es denn nun mit der Bildqualität und der Arbeit bzw. Zuverlässigkeit des Stabilisators aus, wird sich der geneigte Leser fragen.
Gemach, gemach ... vorab noch etwas Technisches: lt. technischen Daten erreicht die Optik von Nikon einen Abbildungsmassstab von 1:4,8 - das Sigma dagehen "nur" einen von 1:5. Was mich ein klein wenig verwirrte, denn die Naheinstellgrenze des VR liegt bei 2,3 Meter und das OS geht bis auf 1,8 Meter ran ans Motiv.
Hat da etwa jemand gemogelt :-)? Nein, der Praxistest ergab bei dem Sigma einen Abbildungsmassstab von 1:2,91 - die Firma Sigma war mit dieser Angabe also etwas zu bescheiden oder errechnet den Abbildungsmassstab nach einer eigenen Formel?!
Nun aber (endlich) zur Hauptsache. Kurz und knapp: mit dem Nikon habe ich deutlich mehr "nicht ganz scharfe" Bilder produziert als mit dem Sigma, dabei habe ich mich fast ausschliesslich auf die 400mm beschränkt und auf die offene Blende von 5,6.
In der Mehrzahl habe ich Aufnahmen im Bereich um 1/125 Sekunde gemacht - aber selbst 1/60 und ab und an auch 1/30 kann man mit den beiden Optiken durchaus mal "knackscharf" hinbekommen und somit gut und gern mal auf eine Stativ verzichten, welches bei dem Gewicht der Ausrüstung auch kein Allerweltsmodell sein darf!
Insbesondere bei Hochformataufnahmen bekam ich beim Sigma so gut wie keinen Ausschuss, wohingegen beim Nikon über 20% für die Tonne waren. Ich will nicht abstreiten, dass es auf das für mich unglückliche Handling zurückzuführen sein könnte, aber dieses Ergebnis war doch ernüchternd.
Natürlich war auch beim Sigma die eine oder andere Querformataufnahme nicht 100%ig exakt scharf, aber der Ausschuss hielt sich in den erwarteten Grenzen. Wie besagt doch schon eine alte Fotografenregel: "schwerere Kameras sind leichter ruhig zu halten". Dies scheint sich nach meinen Erfahrungen auch beim Sigma zu bewahrheiten, hinzu kommt, dass das Objektiv für meine Begriffe auch deutlich besser ausbalanciert ist.
Auch (und gerade) bei Nahaufnahmen zeigt das Sigma OS Klasse - ich werde zwar in Kürze auch das neue Sigma 2,8/50mm DG in Kombination mit dem 60mm Micro von Nikon testen, aber die Blumen und Blütenaufnahmen mit dem Sigma haben echt Spass gemacht, obwohl es ja dafür nicht primär gedacht ist.
Was die optische Qualität anbelangt, so ist es sicher möglich, dass da irgendein Institut ausmessen kann, dass das eine oder andere Objektiv um eine paar Punkte hinter dem Komma besser oder schlechter in diesem oder jenem Bereich ist - mir sind zumindest in den unbearbeiteten RAW-Files keinerlei sichtbare Unterschiede bei 100% Ansicht aufgefallen.
Erhöht man die Ansicht auf 200%, so fällt auf, dass die Farbsäume (natürlich haben beide Optiken bei starkem Kontrast diesen Fehler) beim Nikon etwas breiter und mehr im hellen Bereich sind, wohingegen die Farbsäume beim Sigma sich dicht an den dunklen Bereich anlehnen und sichtbar schmaler sind. Da Farbsäume eher ein Problem von WW-Optiken sind, mußte ich mich schon ein klein wenig anstrengen, um Motive zu finden, die diesen Effekt hervorrufen könnten, und selbst da sind die Säume nur bei 200% störend und bei 100% nur zu bemerken, wenn man weiß, wo man was suchen muss. Also auch da alles im grünen Bereich.
Das Fazit
Tja, was soll ich sagen. Bevor ich eine Optik in der Hand hatte, glaubte ich doch tatsächlich, dass das Nikon klar das Rennen machen wird - weit gefehlt.
Nicht nur, dass das Sigma mir von der Bedienung deutlich mehr liegt, auch optisch weiss das OS von Sigma voll zu überzeugen und schlägt das Nikon sogar beim Stabilisieren.
Für wirklich schnelle Aufnahmen sind natürlich beide Objektive vom Autofokus her eindeutig zu langsam. Das die VR-Optik beim Scharfstellen schneller zur Sache ging, wiegt meiner Meinung nach nicht so schwer, wie der (insbesondere im Hochformat) doch besser arbeitende Stabilisator des Sigma Zooms. Was nützt es mir, wenn die Kamera das Motiv schneller scharf stellt, aber der Stabilisator nicht ganz bei der Sache ist?
Nicht nur vom Handling ist das Sigma OS "mein" Objektiv, nein, das Sigma "rockt" - sprich ich habe es noch (!) wohingegen ich das Nikon VR leichten Herzens wieder an Nikon geschickt habe - nicht wegen der optischen Qualität, wohlgemerkt!
Dass auch das Sigma seinen Weg zum Hersteller zurück findet, ist eher unwahrscheinlich :-) ... dafür hatte ich eigentlich zu viel Spass mit diesem bislang nicht für mich zur Debatte stehenden Brennweitenbereich. Dieses Wochenende werde ich nochmal ausgiebig "testen", dann steht noch ein Test eines Carbon-Profi-Statives an (der Stabilisator muss bei beiden Optiken auf einem Stativ zwingend abgeschaltet werden!), bei dem das Sigma auch noch einmal zum Einsatz kommen darf, und spätestens dann ist eine Entscheinung unausweichlich ...
Ihr werdet sie an meinem Profil erkennen ... ;-) michael